Kulturelle und Geschlechterperspektiven auf die Informatik

Arbeitsgruppe zur Tagung "Wozu Informatik?", Bad Hersfeld 2002

Corinna Bath, Universität Bremen, bath@informatik.uni-bremen.de



Ist in der Informatik die Rede vom Geschlecht, so wird diese meist als reine Frauenfrage interpretiert. Maßnahmen, um eine stärkere Beteiligung von Frauen am Fach zu erreichen, sind zwar noch immer notwendig, möglicherweise sogar nötiger denn je, dennoch dürfen Analysen zum Geschlechter-Informatik-Verhältnis nicht auf dieser Ebene stehen bleiben. Gehen Ansätze hierzu darüber hinaus, so fragen sie zumeist nach Unterschieden: Haben Frauen einen anderen Zugang als Männer zu Informatik und Technik? Würden sie Technologien anders oder besser gestalten? Oder wäre gar eine feministische Informatik möglich? Von der darin vorausgesetzten Zweigeschlechtlichkeit ausgehend ließe sich im Kontext dieser Tagung beispielsweise diskutieren, ob Theorien der Informatik auf die Geschlechter unterschiedlich eingehen müssten.


Statt jedoch nach polarisierten Differenzen zwischen Frauen und Männern, zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen zu suchen und damit letztendlich die bestehende Geschlechterordnung zu zementieren, soll in diesem Workshop Vielfalt in den Mittelpunkt gestellt werden - eine Vielfalt von Menschen, die als InformatikerInnen Systeme gestalten oder als NutzerInnen mit diesen Technologien umgehen, und eine Vielfalt von Mensch-Maschine-Verhältnissen, die sich weder in die Dichotomie von Sozialem und Technischem noch in die häufig gegenübergestellten Kategorien von Entwicklern und NutzerInnen einpassen läßt.


Theoretisierungen der Informatik und insbesondere Bemühungen, das Fach auf seine vermeintlichen, verschüttet gegangenen oder bewusst ausgeblendeten Vorannahmen zu hinterfragen, können eine Analyse der Verstrickungen und des gegenseitigen Hervorbringens von "Technik" und "Geschlecht" nicht umgehen. Die Genderforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten vielfältige und komplexe Vorschläge zur Konzeptualisierung von Geschlecht gemacht. Seither kann Mannsein und Frausein nicht mehr als stabile, lebenslange Größe, die sich etwa am "körperlichen Geschlecht" ablesen ließe, gedacht werden. Vielmehr geht es darum, die komplexen und situierten Herstellungsprozesse von Geschlecht, das ,Doing Gender' genauer zu verstehen, es zu rekonstruieren und dekonstruieren.


Wahrnehmungen und Darstellungen von Weiblichkeit oder Männlichkeit sind nicht nur geprägt von je spezifisch kulturellen Kodierungen, sie können ohne den Rückbezug auf bestehende Vorstellungen nicht stattfinden. Der alltägliche Prozess des Zitierens von Geschlechtlichkeit verfestigt jedoch auch damit einhergehende gesellschaftliche Normen. Er stellt Normalität her - eine Normalität, in der die Annahme von genau zwei Geschlechtern, denen jede Person eindeutig und für immer zugeordnet werden kann, sich ebensowenig hinterfragen lässt wie Attributierungen, Zuschreibungen und Stereotypisierungen, die dazu dienen, das soziale Bezugssystem der Zweigeschlechtlichkeit sicherzustellen.


Die Rekursionsschleifen, Zirkel oder Spiralen, die in unseren Lebens- und Arbeitsprozessen dafür sorgen, dass etwas als selbstverständlich erscheint, sind nicht allein in Bezug auf die Kategorie "Geschlecht" von Bedeutung. Sie können für jede kulturell geprägte und hervorgebrachte Kategorie in den Blick genommen werden, die uns als vertraut gilt. Doch auch in der Frauen- und Geschlechterforschung waren die vielschichtigen Verwicklungen und Überlagerungen von "Geschlecht", "Klasse", "Ethnie", "Alter" und weiterer Dimensionen bereits früh Gegenstand. Seit langem weisen Untersuchungen auf historisch-kulturell gewachsene Prägungen und Unterschiede, d.h. auf die lokale Situiertheit von sozialen Klassifikationsmerkmalen hin. Diese werden von den aktuellen Globalisierungstendenzen teils gegenläufig durchkreuzt. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen Entwicklungen etwa verlangt die Frage, was als "arabische Herkunft" und "islamischer Fundamentalismus" in der "zivilisierten Welt" gedeutet, konstruiert und in Zukunft gelten wird, eine hohe Sensibilität.


Aus dem Blickwinkel der Informatik erscheint vor allem relevant, welche scheinbaren "Gewissheiten" - Kategorien, Denkweisen, Anschauungen - in informationstechnischen Systeme eingeschrieben werden und durch welche Prozesse diese materiell-symbolischen Verwicklungen des Technischen entstehen. Denn sobald kulturelle Einschreibungen implementiert sind und zum Einsatz kommen, werden sie wiederum als soziale Strukturen und Machtverhältnisse wirksam. Technologien erzeugen gesellschaftliche und lokale Effekte, die dazu beitragen, Normalitäten und soziale Normierungen aufrechtzuerhalten. Sie können jedoch auch dazu genutzt werden, Verschiebungen von Bedeutungen und von strukturell-hierarchischen Gefü>gen oder Verunsicherungen des Alltäglichen zu produzieren. Dies setzt jedoch eine bewußte Reflexion nicht explizierter Vorannahmen im Prozess der Technikgestaltung voraus.


Die Untersuchung der Zirkel von Technikgenese und -wirkung, in denen sich das Soziale manifestiert, es zitiert und neu hervorgebracht wird, ist innerhalb der Informatik dem Bereich der Angewandten Informatik bzw. der Informatik und Gesellschaft zugeordnet. Die Problemstellung wird aus einer breiteren kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Perspektive in der Wissenschafts- und Technikforschung betrachtet. Während sich in der Angewandten Informatik der Fokus mehr und mehr auf jeweils einen spezifischen Anwendungskontext des Einsatzes von Informationstechnologien zu richten scheint, demgegenüber ein grundsätzliches Hinterfragen des eigenen Tuns oder die gesellschaftliche Einordnung der Systeme und der Disziplin insgesamt in den Hintergrund gerät, ist die Wissenschafts- und Technikforschung in Deutschland bisher kaum präsent. Ihre Erkenntnisse werden in der Informatik ebenso unzureichend wahrgenommen wie Geschlechterperspektiven innerhalb der dominanten Diskurse unberücksichtigt erscheinen.


In der Arbeitsgruppe möchten wir bestehende blinde Flecken und Rezeptionssperren überwinden und kritische Positionen der Technikgestaltung, der Genderforschung sowie der Wissenschafts- und Technikforschung produktiv miteinander verknüpfen. Die komplexe Verwobenheit von Kultur, Geschlecht und Technik soll aus unterschiedlichen Perspektiven der bzw. auf die Informatik beleuchtet werden. Ziel wird es sein, Thesen zu möglichen Sichtweisen von Informatik und der Gestaltung von Informationstechnologien zu entwickeln, die der Vielfalt von Menschen gerecht werden oder zumindest näher kommen können.


Dazu wollen wir zunächst informatische Beispiele zusammentragen und vorstellen, um sie auf geschlechtlich stereotypisierende und anderweitig klassifizierende Einschreibungen zu befragen. Es geht also darum, uns einen Einblick in den gegenwärtigen Stand der Informatik zu verschaffen. Was tun wir heutzutage? Welche materiell-symbolischen Artefakte stellen InformatikerInnen momentan her? Auf welchen sozialen Vorannahmen setzen wir/ sie dabei auf? Wie schreiben sich Geschlecht und andere kulturelle Selbstverständnisse in informatische Konzepte und informationstechnische Systeme ein? Wie läßt sich der Prozess der Vergegenständlichung sozialer Strukturen und Normen in Informationstechnologien anhand der ausgesuchten Beispiele besser verstehen?


Im Anschluss möchten wir diskutieren, wie sich die identifizierten oder offensichtlichen normierenden Einschreibungen verhindern, durchbrechen oder zumindest in Hinblick auf ihre Wirksamkeit abschwächen ließen. Wie können wir uns technische Systeme vorstellen, die gegenüber kultureller und geschlechtlicher Vielfalt sensibel sind? Welche Kategorisierungen und Klassifizierungen sollten dabei vornehmlich aufgelöst oder verschoben werden? Wie könnten diese Artefakte entstehen? Welche Strategien und Herangehensweisen wären für ihre Entwicklung nötig? Wie könnte also Technik so gestaltet werden, dass sie nicht zur Stereotypisierung und Normierung beiträgt, dass kulturelle Selbstverständnisse sich nicht in ihr vergegenständlichen und diese damit normalisieren?


Abschließend möchten wir uns nach Möglichkeit mit den Implikationen dieser Überlegungen für die Informatik als Disziplin auseinandersetzen. Welche der diskutierten Problembereiche und Fragestellungen sollten Gegenstand der Informatik sein? Inwieweit wäre es angebracht, hier punktuell oder übergreifend inter- und transdisziplinär zusammenzuarbeiten? Welche Disziplinen oder fachlichen Perspektiven sind dabei besonders grundlegend? Inwieweit sind und sollten Aspekte dieser Thematik im Curriculum integriert sein? Von welchen Erfahrungen der Institutionalisierung, z.B. gute Beispiele, Lehrkonzepte, theoretische Ansätze, kann hierzu bereits berichtet werden?


Als Beiträge wünschen wir uns konkrete Beschreibungen und Analysen wie auch theoretische Betrachtungen. Gefragt sind Fallbeispiele, die kulturelle und geschlechtliche Einschreibungen in aktuelle informationstechnische Artefakte und Konzepte veranschaulichen und als Ausgangspunkt der Diskussionen dienen können. Darstellungen von Einschreibungs- und Wirkungsprozessen, die sozial-kulturelle Einbettungen von Softwaresystemen tiefergehend untersuchen, sind ebenso willkommen wie Vorschläge zu einer Gestaltung von Technik, die die Zweigeschlechtlichkeit und andere soziale Klassifizierungsmerkmale verwerfen. Dabei können eigene Erfahrungen und Erkenntnisse der informatischen Praxis, sozial- und kulturwissenschaftliche Beobachtungen oder auch Theorieansätze die Ausgangspunkte der Betrachtung sein. Nicht zuletzt werden wir uns deshalb auch über Reflexionen der hier umrissenen Thematik freuen, die einen kultur- und geschlechterkritischen Beitrag zur Informatik entwickeln oder auch eine An-Sicht der Informatik darstellen können.


16.9.2001